Literatur, Thüringen

Rezension „Haus mit der Madonna“

Heute möchten wir euch wieder auf ein Buch aufmerksam machen, welches vor Allem für Geschichtsinteressierte lesenswert ist.
Till Sailer erzählt die Geschichte seiner Familie und besonders die seiner Mutter. Dabei umspannt er gekonnt die Epochen Weltkrieg und Gründung zweier deutscher Staaten, indem er die Zeit zwischen diesen Geschehnissen im thüringischen Weimar durch die Familie Sewald erlebbar macht.
Buch von Till Sailer
Till Sailer „Haus mit der Madonna“
Hanna Sewald findet sich nach Kriegsende in der sowjetischen Besatzungszone der Republik als Kriegswitwe wieder. Ihr Mann Albin, ein völkischer Dichter und Erzieher einer nationalpolitischen Erziehungsanstalt kam in den letzten Kriegstagen ums Leben und nun muss sich die Pädagogin allein um die drei Kinder kümmern. Dabei hat sie einen entscheidenden Vorteil, den viele Frauen, deren Männer im Krieg umkamen, nicht hatten. Ihr Vater arbeitet in der Thüringer Landesregierung und nimmt Hanna und die drei Jungs in sein Haus auf, wo sie eine eigene Wohnung bewohnt. Das „Haus mit der Madonna“ bietet Zuflucht und wird gleichzeitig zu eng für die junge Frau. Denn während andere Familien in der Nachkriegszeit nicht wissen, woher die nächste Mahlzeit kommt, hadert Hanna mit ihrem Schicksal und ihren Ansichten zur Zeit Hitlerdeutschlands. Sie und ihr Mann waren in der Zeit vor 1945 angesehene Pädagogen, die Kinder im Sinne des nationalsozialistischen Gedankenguts erzogen und ihr Mann erlangte Anerkennung als Dichter völkischen Gedankenguts. Hanna weigert sich, die neue politische Ordnung anzuerkennen. Es fällt ihr schwer, ihre Geschichte und den Anteil ihres Mannes und von sich zu reflektieren. Im Zuge der „Entnazifizierung“ bekommt sie als Akademikerin in der sowjetischen Besatzungszone auch keinen Job als Pädagogin. Obwohl ihr Vater ihr immer wieder finanziell und beruflich unter die Arme greift, sieht sich Hanna immer mehr als Opfer der Geschichte und plant ihre Flucht in den Westen.
Zwei Kinder bringt sie gemeinsam mit ihrer Freundin und der Geliebten ihres Mannes über die Grenze, um dann festzustellen, dass sie in der vermeintlich liberaleren westlichen Besatzungszone auch nicht so einfach Fuß fasst.
So kehrt sie nach einigen Wochen wieder mit ihren Kindern in die Heimat und ins „Haus mit der Madonna“ zurück. Dort nimmt sie das Angebot ihres Vaters auf eine Stelle als Sekretärin an.
Als Leser fällt es schwer, Hannas Gedanken und Handlung zu folgen. Verglichen mit vielen anderen Familien steht sie mit ihrem einflussreichen Vater, der ihr immer wieder aus der Patsche hilft sehr gut da. Dennoch sieht sie sich permanent als Opfer und wirkt so teilweise naiv, wenn sie ihren verklärten Gedanken an die Kriegszeit nachhängt.
Doch faszinierend finde ich, die Sichtweise einer Frau, die die Ideen des Nationalsozialismus mitgetragen hat. Till Sailer hätte es sich einfach machen können und eine weitere Geschichte schreiben können, die von einer Frau im Widerstand handelt. Er setzt sich jedoch authentisch mit der Geschichte seiner Eltern auseinander und transportiert so diesen Zwiespalt auch in seiner Geschichte.
Nebenbei liest man noch Spannendes aus dem thüringischen Weimar und erlebt große Zeitgeschehnisse, wie die Rede Thomas Manns in Weimarer Nationaltheater mit.
Das Buch wurde uns freundlicherweise vom Mitteldeutschen Verlag zur Verfügung gestellt.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s